Vergessenes Erbe

Das südostasiatische Laos ist das meist bombardierte Land der Erde. Jährlich sterben 300 Menschen an den Folgen der amerikansichen Bombardements. Im Fokus der Weltöffentlichkeit steht Laos deswegen nicht.

Acht Jahre ist der Tag her, an dem Dams Leben fast ausgelöscht wurde. Da war Dam gerade sieben Jahre alt. Mit Freunden wollte er im Wald Honig sammeln. Unterwegs fand er eine der in Laos verteilten Streubomben. Eine von vielen Millionen, die kaum größer als ein Apfel sind. Dam nahm die Bombe und warf sie gegen ein Stück Holz. Nichts. Keine Explosion. Seine kindliche Neugier hatte gesiegt. Er probierte es wieder. Diesmal explodierte die Bombe. Dam wurde schwer verletzt. Er trug tiefe Schnittwunden, einen Bruch und zahlreiche innere Verletzungen davon.
Dam hat damals Glück gehabt. Ein Team der Hilfsorganisation Handicap International war in der Nähe. Er wurde erstversorgt, danach flog man ihn in ein Krankenhaus nach Thailand aus. Heute kann er wieder lachen und sein Leben ohne körperliche Beeinträchtigungen führen.
Dam ist nur eines von mehr als 100000 Streubomben – Opfern in der Volksrepublik Laos. Er gehört zu einer der größten Opfergruppen, den Kindern und Jugendlichen. Ein Drittel der Streubomben – Opfer, so schätzen Hilfsorganisationen, haben zum Zeitpunkt des Unfalls das achtzehnte Lebensjahr nicht vollendet.
Laos gilt mit mehr als 2.1 Millionen Tonnen abgeworfener Bomben, davon 260 Millionen Muniton Streubomben, als der meist bombardierte Staat der Erde. Parallel zum Vietnamkrieg flogen amerikanische Kampfflugzeuge ohne Zustimmung des U. S. Senats 530000 Angriffe auf Laos. Im Fokus der Militäroperation: laotische Kommunisten und der durch Laos führende Ho – Chi – Min Pfad. Über Laos führte das Wegenetz in den gegen U. S. Streitkräfte kämpfenden Südvietnam und versorgte die dortigen Kämpfer mit Waffen und Lebensmitteln. Doch die Bombardements verfehlten ihr Ziel. Weder der Nachschub in den Vietkong noch ein kommunistischer Staat in Laos konnten verhindert werden. Im Einparteienstaat Laos regieren heute Kommunisten.
Geblieben sind nur die Bomben. Knapp 30 Prozent der abgeworfenen Streubomben sollen nicht explodiert sein. Ein Großteil der Provinzen gilt heute als von Streubomben verseucht. Den Agrarstaat Laos trifft das besonders hart. Täglich riskieren die Menschen auf den Feldern und Wiesen ihr Leben. Ernten können nur schwer eingeholt werden. Der Aufbau einer funktionierenden Infrastruktur scheitert immer wieder an den rostigen Blindgängern. Noch viele Jahre werden die Streubomben das Land am Mekong begleiten und der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung des Landes im Wege stehen.
Denn obwohl internationale Hilfsorganisationen Laos seit Jahren von den Blindgängern säubern, konnten bisher gerade einmal 0.9 Prozent der rostigen Überbleibsel entfernt werden. Den Räumtrupps der UN oder von Handicap International fehlt es am Personal oder am Geld, meistens aber an beidem, um die systematisch abgeworfenen Streubomben zu entfernen. Die Finanzierung der Räumaktionen übernimmt der Entwicklungsfond der Vereinten Nationen. Der Verursacher der Blindgänger, die USA, haben sich bislang nicht an Hilfszahlungen beteiligt. Auch den Opfern der explosiven Rückstände zahlen die USA bis heute keine Entschädigung. Stattdessen hilft auch hier die UN. Wer nach seinem Unfall in eine der wenigen weit verstreuten Arztpraxen gebracht werden kann, darf anschließend auf baldige Genesung im nationalen Rehabilitierungscenter hoffen. Kooperativ von der UN und dem laotischen Staat betrieben, befindet sich dort eine für Laos einzigartige medizinische Betreuung. Im Center können die Patienten zum Beispiel individuell mit Prothesen ausgestattet werden und erlernen zusammen mit Experten den Umgang mit ihren künstlichen Körperteilen.
Für Dam war ein Aufenthalt im Center nicht nötig. Nur Narben erinnern ihn noch an seinen Unfall. Das Erbe der Amerikaner jedoch bleibt Dam und den Laoten noch Jahrhunderte erhalten. Auch wenn es der Rest der Welt vergessen hat.