„Katastrophal“

Es ist 20 vor fünf am Samstagnachmittag. Ich bin auf der Loveparade. Meine Freunde und ich diskutieren, ob wir uns schon auf den Heimweg machen sollen. Einige sind dagegen, wollen noch den Dj „David Guetta“ sehen. Andere wollen nach Hause. Sind erschöpft vom tanzen und der anstrengenden Anreise. Schließlich möchte eine Mehrheit nach Hause fahren. Wir machen uns auf den Weg nach Hause und laufen zur großen Auffahrt, die in die Unterführung führt. Für uns der einzig erkennbare Ausgang. Schließlich hängen dort große bunte Schilder, die uns den Weg zu den Zügen nach Düsseldorf weisen. Wir laufen am Rand entlang der Auffahrt. Unten steht eine riesige Menschenmasse. Hinter den Bauzäunen, die einen Weg von der tiefer liegenden Auffahrt trennen, stehen ungewöhnlich viele Menschen. Ich wundere mich, denn eigentlich ist dieser Bereich gesperrt. Kurz darauf fallen uns Menschen auf, die über ein Metallgerüst in den abgesperrten Bereich klettern. So richtig versteht keiner, was in diesem Moment passiert. Wieso diese Menschen nicht einfach die Auffahrt hinauf gehen frage ich mich. Den normalen Weg. Doch eine Erklärung finde ich nicht.
Wir gehen weiter. Durch die Massen auf dem Gelände bahnen wir uns einen Weg zur Auffahrt. Zum Ausgang. Wir gehen die Auffahrt hinunter. Rechts neben uns steht eine Gruppe von jungen FDP – Mitgliedern, die Aufkleber verteilt. Ich muss lachen und überlege mir schon, ob ich der Gruppe zu 4 Prozent gratulieren soll. Doch plötzlich werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Eine Polizeikette versperrt uns den Weg. „In der Unterführung geht nichts mehr. Die Leute die rein und raus möchten, haben sich verkeilt. Ihr könnt hier nicht weiter“, sagt ein junger Polizist. Doch der Wille nach Hause zu kommen ist stärker und die Polizeikette eine Farce. Auf der linken Seite der Kette ist eine zwei Meter große Lücke, zwischen einem Polizisten und einer Mauer. Wir gehen weiter hinunter. Am Ende der Auffahrt steht eine riesige Menschenmasse. Die Menge bewegt sich weder nach vorne noch nach hinten. Sie steht. Menschen versuchen die Wände zu erklimmen, um der Masse zu entkommen. Sie flüchten über eine kleine Treppe oder ein Metallgerüst. Beide führen auf das Gelände. So näher wir kommen, um so bedrückender werden die Bilder. Die Flucht über die Treppe ist chaotisch. Sie ähnelt einem Kampf auf Leben und Tod. So sehr zerren die Leute aneinander, um der Masse zu entkommen. Ordner und Polizisten ziehen Leute aus der Menge hinauf auf die Treppe. Doch alle Beteiligten wirken überfordert. Polizisten beobachten von oben die Szenerie. In der Menschenmenge ist ein Polizeiauto zu erkennen. Christian, ein Freund aus meiner Gruppe, will in die Unterführung gehen. Er will endlich nach Hause. Doch wir können ihn davon abhalten. Menschen klettern auf einen Container und weiter über eine Wand auf das Gelände. Ein Polizist hilft und versucht, Menschen auf den Container zu ziehen. Doch der Container ist total überfüllt. Eine andere Szene fesselt unseren Blick. Ein junger Mann, nicht älter als 25 Jahre, versucht an einem dünnen Kabel die Mauer empor zu klettern. Zwei, drei Meter schafft er es. Dann stürzt er in die Menge.
Nach und nach kommen weinende und schreiende Menschen aus der Menge. Manche humpeln. Andere heulen. Einige Polizisten der Hundertschaft rennen an uns vorbei in die Menge . „Haut ab! Geht nach oben!“, schreien sie. Wir schauen uns noch kurz um, dann wird uns die Situation zu gefährlich. Wir gehen. Was genau geschehen ist, verstehen wir nicht
Die Floats ziehen ihre Runden. Das Partyvolk feiert. Wir bahnen uns einen Weg zum Notausgang. Von dort geht es zurück in Richtung der Unterführung. An einer größeren Öffnung der Unterführung stolpern wir mit vielen anderen einen Abhang hinunter in die Unterführung. Polizisten sind uns behilflich. In der Unterführung bietet sich ein schreckliches Bild. Etliche Rettungswagen stehen im Tunnel. Sanitäter und Ärzte laufen umher. Ein Mädchen schreit und weint. Sie muss von Freunden weg getragen werden. Ein Junge liegt zitternd am Boden. Sanitäter versorgen ihn. Für ein Mädchen aus der Gruppe ist das alles zu viel. Mira beginnt zu weinen.
Auf dem Weg zum Bahnhof kommen uns weitere Rettungswagen entgegen. Marius kann nur den Kopf schütteln. „Katastrophal“, sagt er. Alle rufen ihre Eltern an. „Ja, mir geht es gut. Macht euch keine Sorgen“, können meine Freunde und ich unsere Eltern beruhigen. Inzwischen sind wir am Hauptbahnhof angekommen. Nach Gesprächen mit den Eltern ist klar, es hat Tote gegeben. Die Stimmung sinkt unter den Nullpunkt. Dann endlich sitzen wir im Zug. Der Zug setzt sich in Bewegung. Wohin ist egal. Hauptsache weg ist das Motto der Stunde. Wir fahren vorbei an der Loveparade. Laute Technomusik wummert. Die Szenerie wirkt surreal.


16 Antworten auf „„Katastrophal““


  1. 1 Edward 26. Juli 2010 um 3:55 Uhr

    Bewegender Text! Ich war fast zur gleichen Zeit (vielleicht 10-15 Minuten früher) an dem Ort, kam aber von der anderen Richtung. Ich wollte also aufs Festivalgelände drauf und war einer von denen, die den Container hoch geklettert sind.

    Schön, dass ihr es ebenfalls unbeschadet überstanden habt.

    Viele Grüße,
    Edward

    Lukas: „Damit ihr euch besser vorstellen könnt, wo genau ich stand, solltet ihr euch in dieser Galerie die Fotos 4 bis 8 ansehen:
    http://www.wz-newsline.de/?redid=207207&gal=8867&galP=281643&galPS=3
    Dort könnt ihr auch den jungen Mann erkennen, der an dem Kabel hing.

  2. 2 Patricia 26. Juli 2010 um 15:21 Uhr

    Jetzt erinner ich mich, dass ich den Kletterer am Kabel auch gesehen habe. Ich dachte im nachhinein, ich hätte mich vertan, aber da hing tatsächlich jemand.

  3. 3 Manuel 26. Juli 2010 um 17:19 Uhr

    „Eine Polizeikette versperrt uns den Weg. „In der Unterführung geht nichts mehr. Die Leute die rein und raus möchten, haben sich verkeilt. Ihr könnt hier nicht weiter“, sagt ein junger Polizist. Doch der Wille nach Hause zu kommen ist stärker und die Polizeikette eine Farce. Auf der linken Seite der Kette ist eine zwei Meter große Lücke, zwischen einem Polizisten und einer Mauer. Wir gehen weiter hinunter.“

    Und was soll das? Ab dem Zeitpunkt habt ihr Euch meiner Meinung nach strafbar und Mitschuld gemacht.

  4. 4 mBananeng 26. Juli 2010 um 20:00 Uhr

    Ich habe auch etwas reingestellt…
    http://mbananeng.blogsport.de/2010/07/26/loveparade/

  5. 5 Hajo Siemes 26. Juli 2010 um 20:01 Uhr

    hab dies heute schon von Dir in der Zeitung gelesen, ich war echt geschockt. Wenn Ihr zu einem anderen Zeitpunkt losgelaufen währet, hätte ja alles noch schlimmer für Euch enden können. Bin echt froh, dass Dir nichts schlimmeres passiert ist. Liebe Grüße Hajo

  6. 6 a 26. Juli 2010 um 20:12 Uhr

    Einfach krass! Ich habs alles nur von Zuhause aus übers Internet und Fernsehen miterlebt, aber einem stockt der Atem. Danke für deine Dokumentation.

  7. 7 Anonymous_Userin_008 26. Juli 2010 um 22:15 Uhr

    @ Manuel , Dir ist wohl lieber zerquetscht und zertrampelt zu werden hauptsache du hast nicht gegen die Gesetze verstoßen? Für mich siehts bei dir stark nach Polly-Pocket-Insel aus -.-

  8. 8 Marc .K 27. Juli 2010 um 8:05 Uhr

    ein Sehr Ergreifender Text.
    Er Spiegelt aus deiner ganz eignen sicht die Ereignisse.
    Und nicht wie in diverseren Zeitungen.

    Marc.K

    Lukas:“ Danke, man muss jedoch nur die „richtigen“ Zeitungen lesen. Dann findet man auch solche Berichte. Denn dieser Text ist stark gekürzt auch in der Westdeutschen Zeitung erschienen:

    http://www.wz-newsline.de/sro.php?redid=897052

  1. 1 Aponaut Trackback am 26. Juli 2010 um 0:08 Uhr
  2. 2 Das traurige Ende der Loveparade | Denk mit mir! Pingback am 26. Juli 2010 um 9:14 Uhr
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  7. 7 Aponaut Trackback am 24. August 2010 um 15:09 Uhr
  8. 8 Aponaut Trackback am 25. August 2010 um 12:48 Uhr
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